Initiatoren und Akteure des 73. Psychotherapie-Seminars Freudenstadt: (v.li.): Prof. Erich W. Burrer (Vorsitz), Carmen Müller und Angelika Kümmel (Organisation), Jadranka Teufel (Schatzmeisterin), Sylke Oldendorf, Prof. Sybille Schlich-Dannenberg und Prof. Dieter Schlich ( Referenten und Vorstand). Bild: mos

Initiatoren und Akteure des 73. Psychotherapie-Seminars Freudenstadt: (v.li.): Prof. Erich W. Burrer (Vorsitz), Carmen Müller und Angelika Kümmel (Organisation), Jadranka Teufel (Schatzmeisterin), Sylke Oldendorf, Prof. Sybille Schlich-Dannenberg und Prof. Dieter Schlich ( Referenten und Vorstand). Bild: mos

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Südwestpresse (Monika Schwarz), 06.10.2014:

Patienten wollen Wahrheit über sich finden

90 Teilnehmer(innen) beim 73. Psychotherapieseminar im Hotel Teuchelwald. „Die Lüge der Wahrheit ist die Wahrheit der Lüge“ – so das Thema des inzwischen 73. Psychotherapieseminares im Hotel Teuchelwald. Knapp 90 Teilnehmer und Referenten wollen dabei Antworten auf die Frage finden, was in Psychotherapie und Medizin Konstrukt ist und was Realität.

Mit bewährter Mannschaft und einem nicht nur für Experten höchst interessantem Thema, haben es die Organisatoren und Akteure des Psychotherapieseminares in diesem Jahr geschafft, die Teilnehmerzahlen in durchaus erfreuliche Regionen zu treiben. Vor drei Jahren nutzten nur knapp 50 Psychotherapeuten, Psychiater, Psychologen oder auch Ärzte die Gelegenheit, das Seminar in Freudenstadt zu besuchen, diese Mal waren es fast doppelt so viele. Was zeigt, welch große Relevanz das Thema in der Praxis der damit beruflich befassten Personen besitzt.

Konkret geht es dabei um Folgendes: In und mit Unterstützung einer Therapie versucht der Patient nicht nur zu gesunden, so jedenfalls das abgestrebte Ziel, sondern auch die Wahrheit über sich (wieder) zu finden, die ihm davor irgendwann entglitten ist. Spätestens mit Beginn der Erkrankung, die in der Therapie behandelt werden soll, ist das normalerweise der Fall. Dasselbe Ziel verfolgt der Therapeut im Zusammenwirken mit dem Patienten, erklärt Prof. Erich W. Burrer, der auch dieses Jahr als Vorsitzender an der Spitze des Psychotherapieseminares steht. „Was aber ist die Realität in diesem Prozess, was ist das Ich und was ist überhaupt die Wahrheit“ sind dabei Fragen, die es zu erarbeiten gilt.

Antworten darauf gibt der Konstruktivismus in Sinne eines Ernst von Glaserfeld. Dieser besage im Kern, dass eine Wahrnehmung kein Abbild einer bewusstseinsunabhängigen Realität liefert, sondern dass Realität für jedes Individuum immer eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung darstellt. Jede Wahrnehmung sei deshalb auch vollständig subjektiv, die Objektivität der Wahrnehmung also schlichtweg unmöglich.

Es gehe in der Therapie deshalb zunächst immer darum, die Realität des Patienten zu erarbeiten, gemeinsam an seiner Sichtweise zu arbeiten, so Burrer. Ziel sei dabei, von einer „Leid schaffenden“ Wirklichkeit zu einer weniger „Leid schaffenden“ Wirklichkeit für den Patienten zu gelangen.

Verpackt ist die Thematik des Seminars auch dieses Jahr wieder in verschiedene Vorträge, Workshops sowie in zwei Filme, die am ersten Abend und am letzten Nachmittag gezeigt werden. Beim einführenden Vortrag geht es um den aktuellen Stand der Hirnforschung mit anschließender Diskussion. Das psychoanalytische Filmseminar zeigt dieses Mal „Die Wahrheit der Lüge“ von Roland Reber und „Achteinhalb“ von Frederico Fellini. Geleitet werden die beiden Filmseminare in bewährter Weise von Dr. Joachim F. Danckwardt (Psychoanalytiker und Psychiater) sowie Dr. Hannsjörg von Freytag-Loringhoven (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker), die sich auf diese Aufgabe wieder sehr intensiv vorbereitet haben.

Weshalb sich regelmäßig auch sehr schnell tiefgreifende Diskussionen im Anschluss an die Filmvorführung entfachen. „Die Wahrheit der Lüge“ entstand übrigens gänzlich ohne Fördermittel und wurde erstaunlicherweise in islamischen Ländern wie Ägypten und Pakistan mit Preisen bedacht. In Anlehnung an durchgeführte Experimente zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber der Autorität beschäftigt sich dieser Film mit der subjektiven Wirklichkeit in der psychologischen Forschung. Bei Fellinis Werk verdeutlicht der Regisseur, dass unsere und unserer Mitmenschen Wirklichkeiten aus Träumen hervorgehen und durch Träume auch interpretiert werden.

Im Zuge des Seminars war auch wieder die diesjährige Mitgliederversammlung. Darüber hinaus gab es Meditationseinheiten und Zeiten des geselligen Beisammenseins. Themen ansonsten waren unter anderem „Philosophische Wahrheitskonzepte und ihre Auswirkungen in alltäglichen Lebensvollzügen“ oder „Missverstehen und daraus resultierende Kommunikationsprobleme durch Schwächen in der sensorischen Wahrnehmungsorganisation“.

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Schwarzwälder-Bote (Gabriele Adrian), 06.10.2014

Was ist Konstrukt und was ist Realität?

Zum 73. Mal wurde im Hotel Teuchelwald die vom Psychotherapie-Seminar Freudenstadt konzipierte Jahrestagung veranstaltet, die mit dem Titel “Die Lüge der Wahrheit ist die Wahrheit der Lüge” überschrieben war.

Fast 80 Teilnehmer, Ärzte, Psychologen, Psychiater und Angehörige anderer, meist im sozialen Kontext engagierter Berufsgruppen waren anwesend, um sich mit dem schwierigen Thema zu befassen.

Erich W. Burrer, Vorsitzender des Vereins, erläuterte in einem Pressegespräch die Konzeption des dreitägigen Seminars, in dem es Vorträge, Workshops, Gruppenarbeit und gemeinsame Diskussionen gab, bei denen es sich um die Wirklichkeit in Therapie und Beziehung drehte.

Es wurde die Frage geklärt, was in der Psychotherapie als Konstrukt – die persönliche Wahrnehmung oder Interpretation eines Sachverhalts – und was als Realität angesehen werden kann. Für Therapeuten ging es um die Frage, wie der Patient selbst die Welt erlebt und ob er fähig sein wird, richtige Entscheidungen zu treffen.

Ziel müsse sein, so war zu hören, mit Patienten zu reden, “die ihr Ich verloren haben”, sie in ihrem Selbst-Erleben zu würdigen, zu stabilisieren und zu akzeptieren. Erinnerung habe nicht unbedingt etwas mit Wahrheit zu tun, sie sei subjektiv, erläuterte Burrer. So sei ebenfalls diskutiert worden, wie stark die Fähigkeit des Menschen ist, sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen, gemeinsam an einer Klärung zu arbeiten, die letztlich oft eine gleiche Sichtweise beinhalte.

In dem Seminar lief es auf die Erkenntnis hinaus, dass es viele Wirklichkeiten gibt und mit welchem therapeutischen Ansatz gearbeitet werden muss. Stets ging es um die Ernsthaftigkeit und Akzeptanz des Patienten. Auch das Umfeld der Patienten muss bedacht werden. Der Therapeut kann dem Risiko, sich ganz, sensibel und empathisch, auf den Patienten einzulassen, nicht aus dem Wege gehen.

Das eigentliche Thema “Von Wahrheit und Lüge …” wurde von Burrer und den anderen teilnehmenden Vorstandsmitgliedern nicht explizit erklärt, aber in den Diskussionen immer wieder aufgegriffen und interpretiert. Auch ein psychoanalytisches Filmseminar – diesmal wurde der Film “Die Wahrheit der Lüge” von Roland Reber gezeigt – gehörte traditionell zum Programm. Der am Abend vorgeführte Film war allerdings nichts für schwache Nerven. Er zeigte in äußerst grausamen, unerträglichen und anstößigen Szenen zwei Frauen, die sich freiwillig einem Experiment unterzogen, in dem es um die Gehorsamsbereitschaft gegenüber der Autorität eines besessenen Autors geht, der seine Forschungsergebnisse in einem Buch veröffentlichen will.

In der ersten Viertelstunde verließen etliche Frauen entsetzt den Vorführraum. Interessant und kontrovers war die sich anschließende Diskussion, die sich mit der subjektiven Wirklichkeit in Therapie und Beziehung befasste.

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